Fabian P., Masterstudent, Sozialarbeiter und Dozent

Studienabschluss: Soziale Arbeit, B.A.

Stellen Sie sich und Ihren Beruf kurz vor!

Ich bin 32 Jahre alt und arbeite neben dem Masterstudium (Bildungswissenschaften, FU-Berlin) in Teilzeit (12,5 Stunden) als Sozialarbeiter und Dozent mit dem Schwerpunkt EDV. Mein Arbeitgeber ist ein deutschlandweit ansässiger Träger, der Maßnahmen zur beruflichen Integration von Menschen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen anbietet.

Die Angebote meines Arbeitgebers richten sich an Menschen mit funktionalem Analphabetismus sowie Menschen die aufgrund psychischer (z.B.: Burnout) oder körperlicher Beeinträchtigungen (z.B. Bandscheibenvorfall) nicht mehr in der Lage sind ihren ursprünglichen Beruf weiter auszuüben. Schwerpunkt am Berliner Standort sind darüber hinaus Menschen aus dem Autismus-Spektrum.

Beschreiben Sie Ihre Arbeit! Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Aufgrund meiner Qualifizierung als Sozialarbeiter und gelernter Informatikkaufmann, bin ich in meiner Tätigkeit überwiegend als Dozent eingesetzt und unterrichte EDV. Außerdem begleite ich Teilnehmer_innen im Bewerbungsprozess, angefangen von der Jobrecherche, über die Erstellung von Bewerbungsunterlagen bis hin zu Gesprächen bei Arbeitgeber_innen. Weiterhin organisiere und betreue ich Gruppenexkursionen mit unterschiedlichen Schwerpunkten.

Da ich in Teilzeit angestellt bin und hauptsächlich studiere, werde ich abhängig von den Veranstaltungen im jeweiligen Semester flexibel eingesetzt. Während des Semesters arbeite ich überwiegend an festen Tagen. In der vorlesungsfreien Zeit werde ich zur Entlastung der in Vollzeit beschäftigten Mitarbeiter meist nach Bedarfslage variabel eingesetzt. In der Regel bin ich ca. 30 Minuten vor Unterrichtsbeginn an meinem Arbeitsplatz und bereite das Unterrichtsmaterial vor (Kopien, Beamer, Filme, etc.), lese Protokolle der Teamsitzungen, bearbeite Emails usw.

Da die Teilnehmer_innen abhängig von der jeweiligen Beeinträchtigung in verschiedene Gruppen je nach Maßnahmenschwerpunkten eingeteilt sind, gestalten sich die Unterrichtsblöcke sehr unterschiedlich. Jeder Block hat einen zeitlichen Umfang von 90 Minuten. Je nach Gruppe werden in den Unterrichtseinheiten unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt.

Es geht im Wesentlichen um das Erlernen von Kenntnissen im Umgang mit Informations- und Kommunikationsmedien. Hierbei setzen sich die Teilnehmer_innen u. a. mit grundlegenden Fragen der IT-Sicherheit auseinander, arbeiten mit unterschiedlichen Softwareanwendungen, lernen Strategien für die eigene Jobrecherche und erproben verschiedene Bewerbungsformate mit unterschiedlichen Medien.

In der Regel beginne ich meine Unterrichtseinheiten mit Rückfragen zu dem vorher behandelten Thema und einer kurzen Wiederholung. Ein neues Thema eröffne ich mit einer Fragerunde oder einer Übung um den Kenntnisstand der Teilnehmer_innen zu überprüfen. Dies bietet mir im späteren Verlauf die Möglichkeit auf Schwierigkeiten möglichst individuell zu reagieren. Viele Teilnehmer_innen sind bereits seit längerer Zeit arbeitssuchend und haben vorher teilweise schon ähnliche Maßnahmen durchlaufen.

Neben der inhaltlichen Auseinandersetzung bin ich im Unterricht somit häufig auch mit motivationalen Problemen und der Aktivierung der Teilnehmer_innen konfrontiert. Deshalb versuche ich zum Ende der Unterrichte in wiederkehrenden Abständen ein Feedback der Teilnehmer_innen zu erhalten und stimme Inhalte der Folgesitzung ab. Neben der eigentlichen Unterrichtsplanung und -durchführung ist die Nachbereitung der Unterrichte ein weiterer Bestandteil.

Wesentlich sind hierbei die Dokumentation der Unterrichtsinhalte (z.B. als Nachweis für Kostenträger wie das Jobcenter) sowie die Dokumentation von Auffälligkeiten bei Teilnehmer_innen als Information für die Reha-Begleiter_innen und Psycholog_innen im Team.

Warum haben Sie sich für ein Studium der Sozialen Arbeit entschieden?

In das Studium der Sozialen Arbeit bin ich eher zufällig reingerutscht, da ich aufgrund meiner Fachhochschulreife nicht die Möglichkeit hatte mein eigentliches Wunschstudium (Pädagogik) an einer Universität zu studieren. Frühzeitig im ersten Semester des Studiums Sozialer Arbeit habe ich jedoch gemerkt, dass sowohl die Inhalte als auch die späteren Berufswege meinen persönlichen Interessen und stärken sehr entgegenkommen und sich das Studium darüber hinaus gut mit meiner vorher abgeschlossenen Ausbildung zum Informatikkaufmann ergänzt.

Schildern sie ihren beruflichen Werdegang. Bzw.: Wie sind sie zu ihrem jetzigen Beruf gekommen?

Nach meiner Ausbildung zum Informatikkaufmann bei der Bundeswehr und der damit verbundenen Verpflichtung als Soldat auf Zeit (8 Jahre), habe ich die Fachhochschulreife nachgeholt und im Anschluss das Studium der Sozialen Arbeit aufgenommen. Durch das Praxissemester in der Medienwerkstatt Potsdam, war ich bereits während meines Bachelorstudiums als Dozent in der Jugendbildung sowie für Erwachsene mit Suchterkrankungen tätig und konnte darüber praktische Erfahrungen sammeln.

Nach Abschluss des Bachelorstudiums habe ich bis zur Aufnahme des Masters weiter als Dozent in den benannten Arbeitsfeldern gearbeitet. Über den Besuch auf einem Fachtag zum Thema Autismus bin ich durch ein persönliches Gespräch auf meinen jetzigen Arbeitgeber aufmerksam geworden. Wie es der Zufall wollte, wurde zum damaligen Zeitpunkt jemand mit meinem Profil gesucht, so dass ich kurze Zeit später eine Anstellung erhielt.

Was fasziniert Sie an ihrer Tätigkeit?

An meiner jetzigen Tätigkeit fasziniert mich, dass mir Menschen in ihren individuellen Lebenswelten und mit ihrer spezifischen Art immer wieder die Augen öffnen und mich dazu anregen meine eigene Arbeit aber auch mich selbst und mein Leben zu reflektieren. Die Arbeit insbesondere mit Menschen aus dem Autismus-Spektrum ist deshalb spannend, weil sich mir durch diese Menschen und ihrer teils hochsensiblen Wahrnehmung der Umwelt, ständig fremde aber dennoch interessante Perspektiven ergeben.

Das was wir neurotypischen Menschen – wie ich es eigentlich treffender finde, Menschen ohne Diagnose – als völlig normal hinnehmen oder gar übersehen, ist für Autisten etwas Besonderes, im Positiven und leider häufig auch im Negativen. Durch die Wahrnehmung und Sichtweisen der Menschen aus dem autistischen Spektrum werde ich täglich daran erinnert und geschult meine neurotypischen Sichtweisen ständig zu hinterfragen.

Was erleben Sie als Herausforderung bei Ihrer Tätigkeit? Bzw. was macht es evtl. schwer?

Eine der zentralen Herausforderungen ist das Gefühl nicht genügend Zeit für die wesentlichen Dinge zu haben. Auf der einen Seite um sich mit Kolleg_innen über die Arbeit und die Teilnehmer_innen auszutauschen, da es z.B. außer der wöchentlichen Teamsitzung keinen wirklichen Rahmen für eine kollegiale Fallberatung gibt. Darüber hinaus wird zu wenig Zeit bereitgestellt, um den Unterrichte vor- und nachzubereiten. Dieser Umstand führt wiederum dazu, dass man sowohl die eigenen Ansprüchen und besonders den Bedürfnissen der Teilnehmer_innen häufig nicht gerecht werden kann.

Im Kontext des Unterrichts besteht für mich die Herausforderung insbesondere darin Teilnehmer_innen zu motivieren, die auf Grund einer Fülle von Negativerfahrungen in ihrer Familie, Partnerschaft, Schullaufbahn, Arbeitsleben, den Glauben in sich und die unterstützenden Systeme verloren haben.

Was ist Ihrer Meinung nach das Wichtigste, das Sie während des Studiums für Ihren aktuellen Beruf gelernt haben?

Das Wichtigste was ich für mich aus dem Studium mitnehmen konnte, ist sich die Offenheit und Neugier gegenüber Menschen und ihren individuellen Problemlagen zu bewahren. Nur darüber ist es nach meines Erachtens möglich, die eigene Sichtweise und das eigene Handeln mit seiner Wirkung in Frage zu stellen, regelmäßig zu reflektieren und ein professionelles Selbstverständnis zu entwickeln, das letztlich ausschlaggebend ist, für die Haltung gegenüber den Adressat_innen der Sozialen Arbeit.

Gibt es etwas im Studium, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Für mich ist im Studium insbesondere die familiäre Atmosphäre des Fachbereich Sozialwesens, der enge Kontakt zu den Professor_innen und die Intensive Zeit in den Werkstätten in Erinnerung geblieben.

Was sollte man an Interessen bzw. Fähigkeiten für dieses Berufsfeld mitbringen, im Studium erwerben oder sich ggf. durch Zusatzqualifikationen aneignen?

Nicht nur in meinem derzeitigen Berufsfeld sondern generell, sollten Studierende der Sozialen Arbeit ein möglichst großes Interesse mitbringen, sich mit individuellen, sozialen und globalen Fragen menschlicher Bedürfnisse und Rechte auseinander zu setzen. Dazu bedarf es die Bereitschaft die eigenen Grenzen im Kopf zu verschieben und ein gewisses Maß an Neugier und Offenheit.

Das Studium kann in dem Sinne lediglich den Rahmen dafür bieten, die eigenen Grenzen aufzudecken und dazu anregen sich eine grundständige und möglichst breite theoretische Basis anzueignen, um zumindest im Ansatz auf fachlichen Anforderungen der Praxis vorzubereiten.

Als hilfreiche Fähigkeiten für dieses Berufsfeld bedarf es Lernbereitschaft und eine gesunde Prise Frustrationstoleranz, um die Herausforderungen, die Adressat_innen und die tägliche Praxis mit sich bringen, zu bewältigen. Weiterhin halte ich Kenntnisse zu Fragen von sozialen Milieus, Habitus und Lernen, der Arbeitsmarktpolitik, wie auch die Bedeutung von sozialer Selektivität im Bildungswesen für gewinnbringend, für die Arbeit mit diesem Adressat_innenkreis. Darüber hinaus kann eine Zusatzqualifikation im Bereich Coaching förderliche sein.

Was würden Sie Studieninteressierten mit auf den Weg geben? Bzw.: Welchen Rat würden Sie Studienanfängern geben, die später ebenfalls Ihren Beruf ausüben wollen?

Um einen möglichen „Praxisschock“ zu vermeiden ist der einzige Ratschlag den ich mit auf den Weg geben würde, dass vorab eine Auseinandersetzung mit den Herausforderungen und diskriminierenden Mechanismen des Arbeitsmarktes hilfreich ist.

Quelle: privat