Carolin K., Sozialpädagogin

Studienabschluss: Soziale Arbeit, B.A.

Stellen Sie sich und Ihren Beruf kurz vor!

Ich bin angestellt als Sozialpädagogin für den freien Träger FAN – FamilienANlauf e.V., der
im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe ein breites Spektrum an Hilfen anbietet. Dort arbeite
ich in einer multi-familientherapeutischen Gruppe – der „Familienschule“. Dies ist ein Projekt,
das Familien mit Kindern im Grundschulalter, die aufgrund von schwerwiegenden Verhaltens-
auffälligkeiten an ihren Regelschulen nicht mehr beschult werden können.

Da die Verhaltensauffälligkeiten der Kinder von den problematischen Dynamiken und Verhaltensmustern innerhalb der Familie hervorgehen, sind die Eltern elementarer Bestandteil der Therapie. Sie begleiten ihre Kinder nicht nur an vier Tagen in der Woche im Unterricht und während der täglichen Therapiesitzungen, sondern wir arbeiten auch ganzheitlich an den Schwierigkeiten in der Familie. Ziel der Intervention ist die Stabilisierung der familiären Lebenssituation für das Kind, die Stärkung der Erziehungskompetenzen der Eltern und die Wiedereingliederung des Kindes in die Regelschule.

Es nehmen stets zwischen sechs und zehn Familien gleichzeitig an der therapeutischen Maßnahme teil. Dieser Behandlungsansatz stützt sich auf der Überzeugung und Erfahrung, dass Eltern und Kinder/Jugendliche selbst die besten Experten für die Lösung ihrer Probleme sind. Die Familien werden dazu angeregt, sich gemeinsam offen auszutauschen und sich gegenseitig direkt zu unterstützen. Die Methoden der Multifamilientherapie befähigen die Familien dazu spezifische Interaktions- und Beziehungsmuster zu erkennen, zu analysieren und motivieren sie dazu, mittels intra- und interfamiliärer Unterstützung, neue Lösungsansätze zu entwickeln, umzusetzen und einzuüben.

Beschreiben Sie Ihre Arbeit! Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Mein Arbeitstag beginnt damit morgens die Unterrichtsstunden zu begleiten. Dabei vermittelt die Lehrerin der Familienschule individuell den Schulstoff und die Eltern unterstützen ihre Kinder bei den typischen schulischen Anforderungen (leise sein, zuhören, sich melden, Anweisungen befolgen, mitarbeiten, etc.). Bei problematischen Interaktionen zwischen Eltern und Kind greife ich therapeutisch ein. Nach dem Unterricht findet eine Therapiesitzung statt, in der die Eltern sich mit ihren Kindern beschäftigen und die Gruppe in den Austausch kommt.

Die Grundhaltung des Multifamilienkonzeptes basiert auf der Überzeugung, dass die Familien dazu fähig sind, sich gegenseitig zu unterstützen und sogar zu „therapieren“. Wir bieten der Gruppe hierfür die Kontexte, die sie benötigt, um den therapeutischen Arbeitsprozess in Bewegung zu bringen. Meine zentrale Aufgabe als Therapeutin ist es, die Familien miteinander zu verbinden und zu stimulieren, die Familien in ihrer Wahrnehmung und Handlungskompetenz zu bestärken, ohne dabei eine eigene Bewertung einzubringen und ohne Lösungen zu präsentieren.

Nach dem Mittagessen stehen den Familien zusätzliche Angebote zur Verfügung: Heilpädagogik (durch eine Heilpädagogin), Förderunterricht (durch eine Lehrerin) und Eltern- sowie Familiengespräche (durch Sozialpädagogen mit der Zusatzqualifikation zum Familientherapeut). Des Weiteren gehören zu meinen Aufgaben das Schreiben von Berichten, die Dokumentation zu den Familien, Teilnahme an Hilfekonferenzen, Gespräche mit Schulen und weiteren Involvierten.

Warum haben Sie sich für ein Studium der Sozialen Arbeit entschieden?

Schon während meiner Schulausbildung merkte ich, dass eigentlich eine soziale Ader in mir pulsiert. Da ich allerdings kein gutes Bild von der Sozialen Arbeit als Karriereziel hatte und mir nicht bewusst war, welches Spektrum an beruflichen Möglichkeiten sich einem bieten, bildete ich mir ein, dass es nicht der richtige Berufswunsch für mich wäre. So blieb ich nach der Schule lange Zeit unentschlossen, welche berufliche Richtung ich einschlagen sollte.

Ich probierte viele sehr verschiedene Gelegenheitsjobs in unterschiedlichen Branchen aus und lebte einige Jahre im Ausland. Irgendwann entschied ich mich für eine Ausbildung als Immobilienkauffrau, merkte jedoch nach einiger Zeit im Beruf, dass ich in diesem Job nicht glücklich werde. So entschied ich mich letztendlich mit Ende Zwanzig doch noch Soziale Arbeit zu studieren. Die beste berufliche Entscheidung, die ich treffen konnte!

Schildern sie ihren beruflichen Werdegang. Bzw.: Wie sind sie zu ihrem jetzigen Beruf gekommen?

Bereits während des Studiums lernte ich meinen jetzigen Arbeitsgeber über ein Seminar an der Fachhochschule Potsdam kennen. Ich führte ein Evaluationsprojekt mit einer Gruppe von KommilitonInnen bei dem Träger durch.

Das Konzept der Multifamilientherapie fand ich sehr spannend und überzeugend, so dass ich meine Bachelorarbeit über das Konzept schrieb. Kurz vor dem Ende meines Studiums wurde eine Stelle bei dem Träger frei, woraufhin ich gefragt wurde, ob ich mich bewerben wolle. Gesagt, getan – da bin ich nun!

Was fasziniert Sie an ihrer Tätigkeit?

Meine Arbeit fasziniert mich jeden Tag neu. Die Betroffenen, die zu uns kommen, haben oftmals die Hoffnung auf Besserung ihrer Probleme schon fast aufgegeben.

Die neuen Perspektiven und Anregungen, die sie in der Familienschule und insbesondere von den anderen Familien erleben, stoßen ein Umdenken ihres eigenen Verhaltens an. Der Einfluss der verschiedenen Familien aufeinander und die Gruppendynamik geben den Familien viel Kraft, was wiederum den Effekt hat, dass ihre Kompetenzen und ihre Hoffnung auf Veränderung wieder aufgelebt werden.

Was erleben Sie als Herausforderung bei Ihrer Tätigkeit? Bzw. was macht es evtl. schwer?

Das therapeutische Anliegen besteht darin, die Familien in ihrer Wahrnehmung und Handlungskompetenz zu bestärken ohne dabei eine eigene Bewertung einzubringen und ohne Lösungen zu präsentieren. Als Fachkraft in dem Arbeitsfeld muss man deshalb vor allem viel aushalten können.

Das beinhaltet das Aushalten von defizitären Erziehungsmethoden, schwierigen familiären Verhaltensmustern, ablehnenden Verhalten gegenüber therapeutischen Maßnahmen, etc.  und trotzdem eine authentisch wertschätzende Grundhaltung zu bewahren. Hierfür ist das Team unheimlich wichtig. Ich habe das Glück in einem großartigen Team zu arbeiten mit dem ich mich täglich über die Ereignisse und eigene Befindlichkeiten austauschen kann.

Was ist Ihrer Meinung nach das Wichtigste, das Sie während des Studiums für Ihren aktuellen Beruf gelernt haben?

Der/Die SozialarbeiterIn kann die Probleme der Klienten leider nicht methodisch wegzaubern. Lediglich der Aufbau einer konstruktiven Beziehung zu dem Klienten und durch methodisches Werkzeug kann das Anregen zum Umdenken einen Unterschied bewirken. Die eigentliche Arbeit aber kann nur allein der Klient machen!

Gibt es etwas im Studium, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Jede Menge – gute ProfessorInnen, tolle KommilitonnInnen und viele neue Erfahrungen. Ich habe auf Fachtagen, in Jugendämtern und auf Netzwerktreffen Forschungsergebnisse vorgetragen; ich habe an einer Londonfahrt teilgenommen; ich konnte mit einem freien Träger eng zusammenarbeiten und habe dadurch einen Einblick in die Praxis erhalten; gemeinsam mit KommilitonInnen haben wir Imagevideos für die Soziale Arbeit in Eigenregie gedreht, etc. Dies sind alles wertvolle Erinnerungen, auf die ich gern zurückblicke.

Was sollte man an Interessen bzw. Fähigkeiten für dieses Berufsfeld mitbringen, im Studium erwerben oder sich ggf. durch Zusatzqualifikationen aneignen?

Grundvoraussetzung sollte sein, dass eine soziale Ader in einem steckt – Empathie und Toleranz, das Verständnis für Menschen in schwierigen Lebenslagen. Jedoch ist es genauso wichtig, dass man sich von den Schicksalen der Klienten nicht vereinnahmen lässt. Außerdem ist Soziale Arbeit sehr lebendig, man sollte daher immer offen und flexibel für Veränderungen sein.

Was würden Sie Studieninteressierten mit auf den Weg geben? Bzw.: Welchen Rat würden Sie Studienanfängern geben, die später ebenfalls Ihren Beruf ausüben wollen?

Wählt die Kurse nach euren Interessen und nutzt die Möglichkeiten des Studiums, um neue Erfahrungen zu sammeln.

Quelle: privat